Freitag, 19. Mai 2006

Die 10 Sekunden

Er hat 10 Sekunden gedauert, dieser Unfall, der wie alle dramatischen Unfälle aus dem Nichts kam, unerwartet und mitten in der Nacht. Diese langen Sekunden habe ich noch im Kopf wie zehn runde Glasmurmeln, klar und unzerkratzbar. Davor war lange nichts, oder etwas vollkommen anderes, eine intensive Stunde allein voller Wünschen und Fragen. Ist der Mann richtig? Ist ers nicht, kriegt man das noch hin, was da schiefläuft, wie kann man das steuern, das wilde Leben? Ich lag schon eine Weile in meinem Bett und war, das stimmt, voller Zweifel. Er grub mir durch den Magen und schraubte am Solar Plexus herum, der Zweifel, das kennt man ja vielleicht: Nächtliches Grübeln.

Der Mann, mit dem ich seit anderthalb Jahren was hatte, schmiss in einem anderen Raum noch ein paar Bier und kam dann schließlich zu mir ins Zimmer. Er legte sich neben mich aufs Bett, es war unsere letzte Nacht, bevor sein Urlaub enden würde. Die Stimmung war nicht gut, ich wollte nicht reden mit ihm und stellte mich schlafend, weil es nichts zu sagen gab, und es erstaunt mich selber, dass ich das rechtfertigen möchte, meine Verstellung, aber das hab ich auch gelernt inzwischen: Es gibt Lügen und Lügen, und es gibt die Wahrheit. Der Mann stellte sich aufs Bett, in ganzer Größe, das fand ich irgendwie rührend, so kindlich. Er hob die Decke an die Brust und legte sich mitsamt Decke vorsichtig hin. Nach 5 Minuten schlug er langsam die Decke wieder zurück, hob leise die Beine aus dem Bett und stand leise wieder auf. Er ging zu Tür. Ich guckte und wunderte mich, was tut er da? Er ging nicht auf die Toilette, er ging ins Nachbarzimmer, in dem meine drei Söhne schliefen, er ging ganz leise, er stieß an kein Möbel, in der absoluten Stille dieser Augustnacht. Sekunden später hörte ich 3 laute, kräftige klatschende Schläge, tack-tack-tack, nichtmal eine Sekunde dazwischen, und mein größerer Sohn, damals 5, began laut und angstvoll zu schreien. Ich war in Sekunden im Kinderzimmer, in dem eine Lampe brannte, damit die Kinder keine Angst haben in der Nacht. Der Mann stand keuchend und von meinem schnellen Auftauchen vollkommen überrascht vorm Bett des Sohnes, er kam mir riesig vor, ich schrie ihn an: Hör auf, hör sofort auf! Er, atemlos und mit einem schnellen Keuchen, wie nach einem Dauerlauf, das ich wie den Klang der Schläge niemals vergessen werde: Hey, hey, was soll das, was redest du da?

Ich habe mein Kind getröstet, er hat noch eine Weile geschrien, so ein stumpfes gepresstes Schreien ohne Vokale, er ist nicht richtig wach geworden, und wenn er richtig wach geworden wäre, und wenn er sich erinnert hätte, dann hätte ich den Mann anzeigen können. Was tust du hier, hab ich gefragt. Noch immer keuchend kam die Lüge, nach einem kurzen Stottern, aber ohne Zögern, er muss das schon oft so gemacht haben:

Er habe Weinen gehört, er habe mich nicht wecken wollen, er sei rüber gegangen, um nachzusehen.

Das waren meine 10 Sekunden, mehr ist nicht passiert, aber das ist passiert. Drei Schläge, eine Lüge. Es gibt ja Beziehungen, die mit mehr Ballast überleben, oder nicht? Ich brauchte drei volle Tage, um die absolute Unrettbarkeit dieser Liebe zu aktzeptieren, das mag lang erscheinen, es scheint mir jetzt selber lang. Alles andere waren die Kreise auf dem Wasser mit dem Stein drin.

Auch das er mir solche Angst gemacht hat, dieser Mann. In der Nacht nach den Sekunden dachte ich, der ist gefährlich, du must Zeit gewinnen bis zur Klärung, der ist schon am Rand. Ich habe mich dann ganz kurz wieder neben ihn gelegt, aber ich habe mich so gefürchtet, ich dachte in meinem pechschwarzen Schock tatsächlich: Der bringt uns vielleicht um, der ist ein Unbekannter, verhalte dich ganz ruhig. Dann bin ich zurück ins Kinderzimmer, habe mich zu meinem Sohn ins Bett gelegt, ich wollte wach bleiben, aufpassen, ich war verzweifelt, weil ich keinen Schlüssel finden konnte für die Kinderzimmertür, ich hatte echte Angst. Die längste Nacht war das.

Wie ich dem immer geglaubt habe, wenn er mit großer Lässigkeit auf die Kinderklagen Mama, der tut uns weh reagiert hat, jaja, das hätten die Kinder seiner Exxen auch immer gesagt, das sei halt so bei neuen Männern. Und ich habe ihm geglaubt, und damit muss man jetzt halt leben, überhaupt ist ja nur mir und meinen Kindern dieser Unfall passiert, dem Mann ist nichts passiert, gar nichts, vielleicht eine Ziernarbe, ein Strich auf seinem Bierdeckel. Wir waren mal Opfer, meine Kinder und ich, und weil es eine so kurze Opferzeit war, und solche Sachen eben einfach passieren, sind wir still geblieben, und nur weil ich diese Geschichte nicht ganz vergessen kann, habe ich sie hier aufgeschrieben.

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Riemer (Gast) - 23. Mai, 23:16

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