pier (Gast) - 2. Mai, 15:14

Das Gewese um Liebe und Geld ist selbstverständlich ebenfalls schwer auszuhalten für mich und möglicherweise argumentiere ich voll aus dem Glashaus raus. Geht es nicht auch mir, geht es nicht überhaupt sowieso bei allem immer um (ergänze im letzten Fall ein "nur") Leben, Sterben, Liebe, Geld? Die Frage ist, mit welchen stereotypen Vorstellungen man sich dem Schlamassel widmet. Daß Ihnen, Herr Kid, mein frommer und zugleich natürlich auch trivialer Wunsch nach möglichst wenig Todeskampf Indiz für "Verdrängen" zu sein scheint, will mir da wie ein solches Stereotyp vorkommen. Aber vielleicht habe ich Sie auch mißverstanden.

Ich fürchte allerdings auch, mich nicht richtig verständlich gemacht zu haben. Ich wollte u.a. zum Ausdruck bringen, daß ich den Umgang mit Tod, Krankheit und Sterben heutzutage und hierzulande im allgemeinen nicht beklagenswert finde –ich las das aus Ihrer Bemerkung heraus, Herr Kid, auch wenn Sies nicht unbedingt hereingetan haben– und vor allen Dingen, daß es kaum der Empathie bedarf, um das Leiden anderer auszuhalten, eher im Gegenteil, was sicher auch eine Weisheit aus Binsen ist, weswegen ich das ganze vielleicht nicht grade hier vertiefen will.

kid37 - 2. Mai, 19:59

Ich weiß natürlich auch nicht, ob man sich den letzten Dingen überhaupt anders als stereotyp nähern kann. Schließlich fehlt uns immer die eigene Erfahrung damit. Wir haben alle Schiss - ich jedenfalls - und ich denke, daß macht auch Schlingensiefs exorzistischen Exhibitionismus teilweise schwer erträglich. (Ich habe neulich ein Stück des abgebrochenen TV-Interviews mit ihm gesehen. Mann, Mann.) Wir wünschen uns und unseren Begleitern eben alle das "sanfte Entschlafen", häufig läuft es aber ganz anders. Das Sterben ist eine große Scheiße - und wer will darüber schon nachdenken, sich damit konfrontieren. (Ich glaube, das hat jetzt aber vielleicht zuviel mit den ureigenen Erfahrungen damit zu tun. Man will ja keine Floskeln schreiben, kommt der Sache anders aber auch nicht nahe.)
goncourt (Gast) - 2. Mai, 21:17

Casino, Du darfst nicht vergessen, dass die Zeremonien früher (oft heute noch) in ziemlich feste religiöse Systeme eingebunden waren, die z.B. einem Selbstmörder dann die Bestattung auf dem Gottesacker untersagten. Zeremonien können wichtig sein in der Trauerarbeit, auch Floskeln (die ich angemessen diskret finde) aber die, die Du meinst, kannst Du von den repressiven Systemen (die gesellschaftlich nicht unwichtig sind, denk vor allem an Dörfer) nicht trennen.

Und auch das Familiensystem dahinter konnte/kann reaktionär sein (Witwen in italienischen Dörfern, die noch vor 30 Jahren verpflichtet waren, jahrelang schwarz zu tragen, sowas hats auch in Deutschland gegeben; die Verpflichtung, eines Verstorbenen auch nur ja mit Trauer zu gedenken, egal ob man von ihm vielleicht sogar tyrannisiert wurde; dann denk nur mal an die Erbschaftsstreitereien, die oft schon vor dem Tod einsetzen, also dem Sterbenden selbst noch aufgedrängt werden).

Andererseits sind die wenigsten Altersheime und Hospize heute noch die Abstellkammern, die man sich darunter vorstellt. Ich habe alte Frauen gekannt, die nach der Trennung von ihrer Familie aufgeblüht sind, um dann zwischen den Menschen des Altersheims zu sterben.

In meinem Arbeitsbereich bekomme ich oft und sehr nah mit, wie es ist, wenn jemand im Sterben liegt — ehrlich gesagt, kann ich überhaupt nicht beurteilen, ob das heute von den Familien oder den Freunden weniger oder intensiver begleitet wird, es ist schlicht und einfach individuell. Ich sehe da keinen "Trend", keine Möglichkeit, eine gesellschaftliche Allgemeinaussage zu machen. Ich könnte mich jetzt also weder Pjer noch Dir anschließen.

Ich wüsste nicht einmal, ob dieser Hintergrund meiner Arbeit mich zu einer Einstellung dazu qualifiziert, weil am Ende schaut man sowieso von außen zu.
Casino - 15. Mai, 11:31

goncourt, du hast natürlich recht mit deinen beobachtungen, die ganzen dinge, die den tod ans leben binden, mit all dem die beziehung zum toten aufrechterhaltenden regelwerk, und mit der repression, die du beschreibst, in all ihrer absurdität, auch das alles eine form der verleugnung von endgültigkeit und abwesenheit, wenn man so will. grad das mit den witwen, die den toten nicht verlassen durften, und tod tragen mussten, weil der tote sie ja nu nicht mehr tragen kann, brr, das ist in der tat finster.

aber was mir wichtig war, angesichts schlingensief oder den eigenen erfahrungen, ist der moment der fassungslosigkeit, den die alten umgangsweisen vermeiden oder sogar funktionalisieren (ohne tod hätte die ganze religion keinen fuss am boden, schon lustig) und den die neueren wegrationalisieren sollen, also nicht der bezug aufs gesellschaftliche, sondern das subjekt selber und alleine, das in die gesellschaft hineingedrückt werden soll mit seinen urängsten und seiner lebenslust. schlingensief verweigert alle rituale, tabus oder religiösen hilfestellungen, und fängt am ende seiner auseinandersetzung wieder von vorne an, wie damals mein sohn david, der nach meinen erklärungen zum tod, "alle müssen" immer mit seinem "aber ich" dazwischen kam.

mich hat das einfach sehr gefreut, das da mal einer brüllt, und auch das ganze system theater mit seinen finnzierungen und publikumserwartungen und affirmativen kulturaufgaben einfach kapert für seinen exorzismus, danke kid, und für seine verzweiflung.

und ja, man schaut am ende einfach zu, das ist es ja, jeder ist allein beim sterben, näher geht es nicht.

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